Womit soll ich anfangen, wenn tausend Eindrücke vom gestrigen Tag in meinem Kopf umherschwirren und ich Mühe habe, diese zu ordnen und vor allem einzuordnen? Vielleicht mit der banalsten Erkenntnis. Es ist geschafft. Die Premiere des Moshi Urafiki Cup 2011 hat toll geklappt. Ich denke, alle der rund 500 Teilnehmer und Zuschauer hatten ihren Spaß und sind satt geworden. Urafiki heißt übrigens Freunde oder Freundschaft. Und vielleicht hat dieser Tag ja auch Tieferes, Bleibendes zwischen Waisenkindern, Stadtteilbewohnern und Touristen entstehen lassen. Denn darum ging es ja.

Ich fange von vorne an. Einen bleibenden Eindruck hinterließ bei mir auf jeden Fall die stattliche Ziege, die am Vorabend am Pfahl der Wäscheleine in unserem Garten hing. Mein Gastvater hatte sich – gegen Cash – um die Zubereitung des Pilau (Reis mit Fleisch und Gemüse) gekümmert. Der ursprünglich vereinbarte Preis stieg übrigens so kontinuierlichwie an wie einst Infineon-Aktien am ersten Verkaufstag. Doch zurück zum Hauptdarsteller: Hätte die Ziege gewusst, dass sie tags darauf hunderten Leuten ein Festmahl bereitet, wären ihr die letzten Minuten ihres Lebens womöglich leichter gefallen. Einen schnelleren und würdevolleren Tod als so manch libyscher Despot hatte sie jedenfalls, das kann ich bezeugen. Ein “inniges” Wiedersehen mit der Ziege gab’s dann gestern morgen in der Küche, wo ich beinahe über die Schüssel mit den Innereien stolperte. Immerhin: So verscheuchte ich die Fliegen, die es sich über Nacht zwischen Herz und Darm bequem gemacht hatten (anatomisch sonst ein Ding der Unmöglichkeit). Draußen saßen derweil schon die angeheuerten Smutjes, die grimmig das Gemüse schnibbelten.

Ich machte mich auf zum Veranstaltungsort, zwei nebeneinander gelegene Wiesen im Stadtteil Pasua. Große Sorge hatte mir ja der mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent angekündigte Regen bereitet. Heute kann ich sagen: Es gab keinen Regen – dafür sind 90 Prozent meiner Haut verbrannt. Insbesondere meine Beine gehen als klassischer Fall für die Betty-Ford-Hautklinik durch. Danke, wetter.com! Auch im Namen der anderen Volunteers, die ebenfalls auf ihren Hauttransplantations-Termin warten.

Bei aller Aufregung hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl, als ich in Pasua eintraf. Die Kinder aus der Umgebung spielten schon Fußball und freuten sich, mich zu sehen. Einige von ihnen halfen mir ganz eifrig beim Stopfen der tiefen Löcher auf den beiden Plätzen. Derweil füllte sich das Gelände nach und nach mit Zuschauern und Mannschaften. Als ich die Menge an Menschen wahrnahm, wurde mir klar, wie viel Arbeit und auch Verantwortung dieser Tag bringen würde.

Dagegen entpuppte sich eine Hürde unerwartet als nicht besonders hoch: die Begrüßungsrede auf Kisuaheli. Ich hatte sie auf Englisch verfasst und tags zuvor von meinem NAFGEM-Boss übersetzen lassen. Auch wenn ich vermutlich jedes zweite Wort falsch ausgesprochen habe, kam der Sinn meiner Worte offenbar an. Im wesentlich habe ich den Kindern gesagt: Nutzt diesen Tag, um Eure Talente und Fähigkeiten zu entdecken und entwickelt diese Talente und Fähigkeiten in Zukunft weiter.

Der erste echte Gänsehaut-Moment war die tansanische Nationalhymne, die nach meiner Begrüßung intoniert wurde – von keinem geringeren als Sheddy. Dazu muss man wissen: Sheddy ist Tuleeni-Waise und macht dienstags und donnerstags bei meinem Fußballtraining mit. Das sieht dann so aus: Er steht die ganze Zeit an einer Stelle herum, trägt als einziger eine Kette und posiert permanent mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, so dass wir alle ständig auf seine Achselhöhlen gucken müssen. Kurz: Ich mag Sheddy nicht. Aber: Er wurde mir am Donnerstag im Tuleeni als bester Sänger angepriesen. Und: Er machte seine Sache richtig gut. Tosender Applaus! Vielleicht sollte er nochmal gut über seine Talente und Fähigkeiten nachdenken. Im Fußball liegen sie jedenfalls eher nicht.

Dann ging es mit der eigentlichen Veranstaltung los. Da lagen wir zeitlich schon ordentlich im Hintertreffen, zumal sich ausgerechnet Tuleeni üppigst verspätet hatte. Tuleeni brachte die Bälle und die Brasilien- und Spanien-Trikots von Pelé Sports mit, auf die zwei andere Teams schon sehnsüchtig warteten. Die 4- bis 8- sowie die 8- bis 15-Jährigen spielten auf zwei Feldern und in insgesamt vier Gruppen gegeneinander Fußball. Der Sinn der von mir für jedes Feld aufgehängten Spielpläne erschloss sich den meisten Kindern allerdings bis zum Ende nicht, die Schiris mussten die Mannschaften vor jedem Spiel immer wieder aufs Neue zusammentrommeln.

Neben den Feldern starteten die Volunteers das Animationsprogramm für alle Nicht-Fußballer und bespaßten die Kinder – und offenkundig auch sich selbst – mit Seilspringen (einige Kinder konnten im Liegestütz “springen”!), Schminken bzw. Gesichtsbemalung (offenbar nicht einfach bei schwarzer Haut), Jonglieren (hier waren leider keine Lernerfolge zu verzeichnen), das gute, alte Gummitwist sowie Malen mit Wasserfarben.

Bis dahin hatten wir abgesehen von der Verspätung alles im Griff. Nun aber waren wir mit dem Fußball durch und warteten aufs Mittagessen, das mein Gastvater um 13 Uhr anliefern sollte. Er kam und kam nicht – deshalb gaben wir angesichts der Hitze schon einmal den Saftflaschen aus. Ich hatte 540 Flaschen gekauft – eindeutig zu wenig! Rein rechnerisch hätten 300 Kinder kommen sollen. Es waren vielleicht auch 300 Teilnehmer. Aber offenbar hatte ganz Pasua den Braten gerochen und strömte zum Spielfeld. Die 540 Getränke waren ruck, zuck weg.

Allerdings hatte der große Zuspruch auch etwas Gutes: Die enorme Menge an Zuschauern bildete einen würdigen Rahmen für unseren Showblock. Die wurde von Tuleeni mit zwei Liedern eröffnet, einem Stück auf Kisuaheli sowie “Lean on me”. Als ich heute Morgen auf dem Weg zum Daladala an dieses Lied denken musste, kamen mir die Tränen. Es war für mich einfach zu rührend, wie sich “meine” Kinder an den Händen hielten, hin- und herwogten und dieses sentimentale Lied sangen.

Danach folgte eine Limbo-Einlage unter brennenden Stangen hindurch vom Salama Waisenhaus und das Highlight des Tages: der Auftritt der Amani-Waisen. Sensationell, diese Akrobatik. Ich hatte vorher mal gehört, dass sie viel Geld für ihre Auftritte nehmen (ich habe nichts gezahlt). Heute weiß ich, dass das Entgelt seine Berechtigung hat. Neben beeindruckender Körperbeherrschung hat auch ihre tolle Choreographie diesen Auftritt unvergesslich gemacht, es waren sogar humoristische Einlagen dabei, etwa, als zwei Mädchen abwechselnd Rückwärts- und Vorwärtsrollen machten und sich bei den Rückwärtsrollen immer wieder mit gegenseitig mit ihren Hintern abstützten.

An dieser Stelle mussten (die hungrigen Kinder würden sagen: durften) wir das Showprogramm fürs Mittagessen unterbrechen. Was wir da noch nicht wussten: Das Showprogramm würde nicht mehr fortgesetzt werden. Das war deshalb schade, weil auch andere Gruppen lange für ihren Auftritt geprobt hatten. Zum Beispiel zwei Springseil-Artistinnen, die mit ihrer Nummer sogar schon in den USA aufgetreten sind. Der Grund fürs abrupte Ende: Mein Gastvater war endlich eingetroffen, auf der Ladefläche seines Jeeps ein Trog voll Essen, dazu etwa zehn Eimer gleichen Inhalts. Mittlerweile war es aber schon 15 Uhr, und die Veranstaltung sollte um 16 Uhr enden. Dabei standen noch ein dreißigminütiges Freundschaftsspiel zweiter Teams von 15- bis 18-Jährigen sowie die Fußballfinalerunden aus…

Die Essensausgabe war das reine Chaos. Unglaublich. Ein einziges Gedrängel und Geschubse um die Eimer herum. Zudem reichten die 300 Teller logischerweise nicht, so dass wir immer wieder gebrauchte Teller von der Wiese aufsammeln und sie erneut nutzen mussten. Lecker. Adelina von World Unite verteilte noch Obst, das ihr ebenfalls in Mopsgeschwindigkeit aus den Händen gerissen wurde.

Schließlich machten wir kurzen Prozess. Wir trieben die Fußballer mit ihren vollen Wampen zu den beiden Wiesen. Ich pfiff das Freundschaftsspiel der Jugendlichen, die seit morgens darauf gewartet hatten. Auf dem anderen Feld fanden die Finalspiele der 8- bis 15-Jährigen statt. Die Kleinen, die den Spielplan eh am wenigsten kapierten, haben wir dann ignoriert. Schön war das Siebenmeterschießen der Finalspiels. Torschützen wurden nach jedem Treffer gefeiert, als hätten sie die Formel für den Weltfrieden gefunden – und diese im Bernsteinzimmer.

Nach der Siegerehrung war alles vorbei. Komisch, das kam für mich plötzlich. Ja, plötzlich – plötzlich hatte ich Gelegenheit durchzuatmen, mich hinzusetzen, umzuschauen und zu einfach nur zu genießen. Dann verabschiedete ich mich von dem gastgebenden Jugendclub und setzte mit gemeinsam mit den Volunteers Elli und Amelie ans Spielfeld, schaute in Richtung Kilimanjaro und genoss nicht nur den phantastischen Sonnenuntergang – sondern auch, wie mir ein paar Kinder dabei meine “langen”, “seidenen” Haare streichelten und mir Zöpfe zu flechten versuchten. Was jetzt ein bisschen nach einem Partyspaß in einem belgischen Keller klingt, ist ganz harmlos. Hier in Tansania gehört Körperkontakt irgendwie dazu, ob bei der Arbeit oder eben beim Rumspielen mit Kindern. Man fasst an und wird angefasst. Ich habe mich daran gewöhnt.

Die Frage aller Fragen: Hat der Tag langfristig etwas “gebracht”? Den Volunteers bestimmt. Was gestaltet man schon einmal so einen Tag in so einem Land? Gleiches gilt für mich. Ja, es war viel Arbeit, viel gedankliches “Was musst du alles noch bedenken, was kann passieren?” und einiges an Kosten. Aber es war natürlich auch (und vor allem) eine wertvolle, einmalige Erfahrung. So viele Menschen – vor allem Einheimische – haben mir gesagt “Das müssen wir jetzt regelmäßig machen, das war so toll”. Da wird schon was dran sein.

Bleiben die Kinder. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob sie den Blick über ihren Waisenhaus-Tellerrand bewusst oder unbewusst wahrgenommen haben, ob sie sich von dem Tag und den anderen Aktiven irgendwie inspirieren lassen. Ich weiß es nicht.

Gestern Abend feierten wir den trotz aller kleinen Pannen überaus erfolgreichen Tag mit einem Bier in meiner Lieblingskneipe Macumba Bar und kühlten unsere Sonnenbrände von innen. Doch auch das soll nicht verschwiegen werden: Auf dem Rückweg wurde einer Volontärin die Tasche entrissen. Die Diebe schauten die Kontakte in ihrem Handy durch und riefen uns in der Macumba Bar an, sie wollten Geld fürs Handy. Natürlich gingen wir darauf ein, natürlich kamen die Diebe nicht. Schade, diesen Abschluss hatte der Moshi Urafiki Cup 2011 nicht verdient.

 

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