Danke für die vielen freundlichen Kommentare und Mails. Gerade komme ich aus dem Kilimanjaro-Hospital zurück. Das Ergebnis vom Malaria-Schnelltest (kostet 1 Euro) ist negativ. Also habe ich eine Lebensmittelvergiftung oder -unverträglichkeit, denke ich. Das kann schon mal passieren. Auch wenn es insofern blöd ist, als dass die ganzen unschönen Begleiterscheinungen samt Fieber vermutlich auf ein Essen zurückzuführen sind, das Köchinnen zubereitet hatten. Und die sollten schon wissen, dass Tomaten und Gurken abgewaschen werden müssen.

Aber es hätte definitiv schlimmer kommen können: Letzten Donnerstag wurden laut “Daily News” im Sumbawanga District zwei 62-jährige Zwillingsbrüder gelyncht. Der Mob machte sie dafür verantwortlich, einen 30-Jährigen verhext zu haben. Dieser sei plötzlich krank geworden, habe Blut gespuckt und ist am nächsten Tag gestorben. Und daran waren – warum auch immer – die beiden Brüder Schuld. Der Glaube an Hexerei (“Witchcraft”) ist in manchen ländlichen Gebieten noch immer verbreitet. Er wird auch gern genutzt, um unliebsame Personen aus dem Weg zu räumen. Einfach der Hexerei beschuldigen, aus die Maus. Doch bevor es zu klischeehaft wird, berichte ich lieber von meinen letzten, sehr “westlichen” Erlebnissen.

Das Wochenende startete am Freitagabend mit entspanntem Badevergnügen im kleinen, zumeist flachen Pool des Impala Hotels. Dorthin hatten mich Liz aus Devon, England, und Megan aus Vancouver, Kanada, eingeladen. Die beiden gehen mit den Tuleeni-Waisen einmal in der Woche schwimmen. Wobei: “Schwimmen” trifft es nicht ganz. Eher platschen. Denn schwimmen kann keines der Kinder. Da sich der Taxifahrer wider Erwarten weigerte, sein Auto mit 13 Personen zu be- und überladen, fuhren wir zu neunt los, drei Erwachsene, sechs Kinder. Auch nicht ganz im Sinne der (deutschen) Straßenverkehrsordnung. Zwei der Kinder hatten einen Schwimmreifen und ein Paar Schwimmflügel. Für den Rest war im Wasser Stehparty angesagt. Zum Glück hatte ich einen Luftballon zum Herumalbern mitgebracht. Leider wurde den Kindern (und auch uns Erwachsenen) ziemlich schnell kalt, und so endete der Abend bald bei Kakao und Bier. Fazit: viel Aufwand, wenig schwimmen.

Am Samstag durfte ich das größte Krankenhauses der Stadt besuchen, das Kilimanjaro Christian Medical Centre, kurz KCMC. Dort ist Dr. Günter Kohler als Krankenhaus-Seelsorger tätig. Seine Frau Maja Kohler, Sozialarbeiterin, hatte ich kennengelernt, als sie NAFGEM besuchte. Wir mochten und mögen uns sehr, so entstand die Idee des “Gegenbesuchs”. Freundlicherweise durfte ich hierzu die Volontärinnen Marei, Lisa, Tabea und Marion mitbringen. Zuerst frühstückten wir gemeinsam und stellten einander vor. Dabei erfuhren wir, dass die Kohlers seit über zwei Jahrzehnten dem Land Tansania eng verbunden sind. Dr. Günter Kohler ist Pfarrer im Ruhestand und leitet nun im Auftrag der “Mission EineWelt” die Seelsorgerausbildung am KCMC. Außerdem engagieren sich die beiden intensiv in der Aids-Aufklärung und -Prophylaxe in der Massaisteppe.

Auf die Führung war ich sehr gespannt. Ich wusste bereits, dass Patienten teilweise auf dem Flur liegen und die “Zustände” weit entfernt sind von dem, was einen in Hamburg-Eppendorf oder München-Großhadern erwartet. Dr. Kohler führte uns durch alle Stationen. Ja, es lagen Menschen auf den Fluren, die offenbar frisch operiert waren. Von Privatsphäre hier keine Spur. Das gleiche gilt für so manches Krankenzimmer, wo die Betten “eng an eng” standen. Andererseits gab es auch Stationen wie die Kinderabteilung, die Neugeborenenstation oder auch die Urologie, welche ich als völlig “normal” empfand.

Ohnehin war das 450-Betten-Krankenhaus für mich sauber und für hiesige Verhältnisse sehr vertrauenwürdig. Trotz eines Patientens auf dem Flur und im Streckverband. Kommentar Dr. Kohler: “Einen Streckverband hatte ich zuletzt 1947.” Auch Lisa, ausgebildete Krankenschwester und hier in Moshi Volontärin in einem anderen Krankenhaus, empfand den Stand der Technik als alles andere als modern. Dazu passt, dass die Miele-Waschmaschinen seit Ewigkeiten (vermutlich seit der Eröffnung des KCMC 1971) nicht mehr funktionieren und die gesamte Krankenhauswäsche seither mit viel Improvisation gewaschen und getrocknet wird. Oder auch der Umstand, dass selbst dieses große Krankenhaus personell völlig unterbesetzt ist. Lakonisches Fazit Dr. Kohler: In Deutschland würde dieses Krankenhaus noch heute geschlossen. In Tansania ist es eines der besten des Landes.

Zwei Dinge an seiner Arbeit sind für Dr. Kohler charakteristisch: Dass die Menschen hier viel gläubiger als in Deutschland seien und ganz häufig mit ihm beten wollten. Und dass seine praktische Tätigkeit zu einem großen Anteil gar nicht in der Seelsorge bestehe, sondern darin, Operationen und deren Finanzierung zu organisieren. Denn hier hat alles seinen (in diesem armen Land im Zweifel astronomisch hohen) Preis, von Röntgen bis zum schnelle(re)n OP-Termin. Und so berät Dr. Kohler so manches Mal mit verzweifelten Patienten, wer aus der Verwandschaft finanziell aushelfen könnte.

Die anderen Volontäre und mich hat sehr beeindruckt, wie positiv das Ehepaar Kohler mit dem Leid umgeht, dem es begegnet, und wieviel Kraft und Leidenschaft sie in ihr persönliches Engagement (wie die Aids-Aufklärung) investieren. Ich bin mit den beiden so verblieben, dass sie mir von aktuellen Notfällen berichten sollen. Geschieht das, komme ich gern auf die freundlichen Hilfs- und Spendenangebote aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zurück. Denn hier wird Hilfe dringend gebraucht – und von dem Seelsorger-Ehepaar “eins zu eins” weitergegeben, davon konnte ich mich überzeugen.

Am Sonntag sind wir in der gleichen Besetzung zu einer Kaffee-Kooperative an den fruchtbaren Hängen des Kilimanjaro gefahren. In dieser wunderschönen Umgebung 1.450 Meter über dem Meeresspiegel genossen wir eine didaktisch perfekt gemachte Kaffeeplantagentour – vom gemeinsamen Pflücken der Kaffeebohnen über das Reinigen und mehrfache Schälen bis hin zum Stampfen und Aufgießen bereits getrockneter Bohnen. In der 2005 gegründeten Kooperative haben sich drei Dörfer zusammengeschlossen und ihr Angebot nach und nach touristengerecht ausgedehnt – also neben der reinen Kaffeeproduktion auch ein Restaurant sowie Zelte und andere Übernachtungsmöglichkeiten errichtet. Ein Kilo Kaffeebohnen bringt der Kooperative 2 Euro im Verkauf. Außerdem fließt ein “Fair-Trade-Euro” je Kilo nach dem Verkauf des Endprodukts an die Kaffeebauern zurück – das Fair-Trade-System funktioniert also tatsächlich. Wieviel Aufwand damit allerdings auch verbunden ist, zeigt eine andere Zahl: ein Jahr dauert es “von der Bohne zum Becher”. Dass sich Aufwand und Geduld gleichwohl lohnen, davon konnten wir uns beim Probieren des frisch gemahlenen Kaffees überzeugen. Lecker!

Als Randnotizen sind noch zwei Dinge zu erwähnen. Der Daladala-Fahrer auf dem Rückweg nach Moshi war so betrunken, dass er beim Einsteigen schwankend gegen die geschlossene Fahrertür lief. Warum auch immer, wir sind trotzdem sitzen geblieben. Und zweitens war dann da ja noch die Sache mit dem ungewaschenen Salat. Nun, wo es keine Malaria ist und es mir besser geht, kann ich dem Ganzen sogar etwas Positives abgewinnen: Eine Kollegin hat heute gesagt, dass mich die Erkrankung dünner gemacht habe. Komisch, das Gleiche erwähnte auch Peter aus Hamburg in seiner Mail gestern als möglichen positiven Aspekt. Bin ich etwa zu dick…?

 

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1 Comment

  1. Dick? Wer ist hier dick? Iwo, Olaf! Was mich zu der Frage bringt: Hattest Du beim Schwimmen ein T-Shirt oder Neopren an? 😉
    Schön, dass es Dir wieder besser geht! Und was Eppendorf angeht: Auch dort habe ich schon viele Stunden meines Lebens auf dem Flur verbracht, entweder als Begleitung in der Notaufnahme, als Assistentin beim Röntgen (“Hallo Sie, könnten Sie mal den Knopf drücken, ich muss den Patienten festhalten”), oder um meine Mutter zu bewachen, die dort geparkt wurde. Aber natürlich ist das Jammern auf hohem Niveau.
    Mach weiter und viel Spaß noch! Viele Grüße von Anja

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