Ich wollte nie so sein, nun stelle ich mit Erschrecken erste Symptome fest. Einer jener fanatischen Fußball-Betreuer, die zu allem ihren Löwensenf dazugeben und permanent so angespannt sind wie der zweitoberste Blusenknopf der Katzenberger. Bei gelungenen Aktionen ihrer Kinder führen sie an der Seitenlinie bambiartige Bocksprünge auf – allerdings ein Bambi, das in einer Fernost-Internetapotheke was Experimentelles bestellt hat. Verspringt ein Ball oder ist ein Kind zu eigensinnig, drohen diese Mannschaftsbetreuer mit schneidender Stimme à la Frau “Heidi” Rottenmeier dann Sanktionen an, für die in der Regel Kriegsverbrecher-Tribunale anberaumt werden (komischerweise immer erst, wenn’s zu spät ist).

Diese furchteinflößenden Erwachsenen gehörten zu meiner F- bis A-Jugend-Fußballzeit wie Robby Bauer zu den Teens und die ZDF-Weihnachtsserie zu Weihnachten. Was ihnen offenbar nicht klar ist: Von dem Reingebrülle aufs Spielfeld profitieren zumeist nur die Gegner, gerade bei Kritik. Es ist wie mit cholerischen Chefs. Ich habe noch nie einen Angestellten gesehen, der nach der Hinrichtung vor versammeltem Kollegium verständnisvoll seinen Kopf aus dem Korb unter der Guillotine aufgesammelt hat und fortan fehlerfrei, maximal effizient und hoch motiviert über den Fußballplatz, pardon, durch das Büro marschiert ist.

Bevor jetzt Stimmen nach der Super-Nanny für Jugendtrainer laut werden, komme ich endlich zur Sache. Gestern Nachmittag stand das zweite große Fußball-Highlight mit meiner Tuleeni-Waisenhaus-Mannschaft auf dem Kalender: das Rückspiel beim Kilimanjaro-Waisenhaus. Dazu hatte ich eine dritte Mannschaft eingeladen: die eines Jugendprojekts aus Moshi, von dem ich am Wochenende (in Dar es Salaam) in der Zeitung gelesen und mir über die Autorin den Kontakt besorgt hatte. Wir von Tuleeni reisten mit sechs Spielern, mehreren Kindern als Fans und zwei Erziehern an. Anders gesagt: Ab sofort weiß ich, dass in zwei normale Taxis problemlos jeweils acht Leute passen – ohne Fahrer.

Das unter einigen tiefen Löchern leidende, als solches aber immerhin klar abgegrenzte Spielfeld lag außerhalb Moshis. An einer Seite eine Wohnsiedlung, an der anderen Seite bewirtschaftete Felder und das Kilimanjaro-Massiv. Das Ambiente hatte schon mal was. Besonders toll war der enorme Zuspruch zu diesem kleinen improvisierten Turnier. Das Kilimanjaro-Waisenhaus hatte etwa 20 Spieler (alle in schicken, blauen Trikots) mitgebracht und der Jugendtreff mindestens genauso viele Kicker. Sie spielten in den leuchtend gelben Brasilien-Shirts von Pelé Sports. Wir traten diesmal übrigens in Arsenal-Trikots an. Der australische Volunteer Dominique hatte sie dem Waisenhaus geschenkt. Ich persönlich finde das überflüssig. Unsere Brasilien- und Spanien-Leibchen, die wir jedes Training nutzen, reichen völlig. Außerdem stehen die sehr exklusiven Arsenal-Trikots im krassen Gegensatz zum eher wenig exklusiven Alltag der Kinder hier.

Jedenfalls: Zu den vielen Spielern kamen bestimmt nochmal 50 Zuschauer aus der Siedlung und eine handvoll Volunteers, unter denen sich die Veranstaltung herumgesprochen hatte. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Das zu organisieren war letztlich einfach – und das Erlebnis einfach super. Auf der Rückfahrt flüsterte mir ein Spieler im Taxi zu: “I enjoyed it.” Und auch die sonst eher schweigsameren unter den Waisenhaus-Kindern sprachen auf der Rückfahrt in zusammenhängenden Hauptsätzen. So hatte ich sie noch nie erlebt.

Sportlich sorgte meine Mannschaft dafür, dass ich meinen Ehrgeiz eher durch Bocksprünge als durch voodooohafte Flüche ausleben konnte. Tuleeni gewann alle Spiele, wir kassierten kein einziges Gegentor. Aber ganz ehrlich: Im ersten Spiel war ich erschreckt, wie hoch mein Puls ging, egal ob gelungene oder misslungene Aktion. Ich ertappte mich mehrfach dabei, reflexartig Anweisungen ins Spielfeld zu rufen – wohlwissend, dass die Jungs maximal die Hälfte davon verstehen und es zumeist eh nichts bringt (siehe Guillotine). In den weiteren Spielen setzte ich mich deshalb zu Betreuern, Fans und Zuschauern an den Rand – und hielt selbigen auch.

Dieses Turnier wird einen Langzeiteffekt haben: Der Leiter der Jugendtreffs lud uns – also die Kili- und Tuleeni-Waisen – zu einem gemeinsamen Nachmittag ein. An diesem Nachmittag führen seine Kinder Theaterstücke sowie Tanz-, Akrobatik- und Gesangeinlagen für uns auf. Eine schöne Perspektive!

Meine Perspektive fürs Wochenende ist ebenfalls ausgezeichnet. Heute gehe ich nach Dienstschluss mit den Betreuerinnen und Kindern des Tuleeni-Waisenhauses schwimmen, sie haben mich gestern dazu eingeladen. Betreuerinnen und Kinder sind übrigens allesamt Nichtschwimmer. Morgen besuche ich das lokale Krankenhaus, übermorgen eine Kaffeeplantage am Fuße des Kilimanjaro.

 

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3 Comments

  1. Schöne Geschichte und schöne Bilder, Kaka….wobei – wie könnte es bei mir anders sein – Dein liebevoller Name mich an ein ebenso liebevolles Nikolausgeschenk Deiner Frau vom letzten Jahr erinnert…;-)
    Ich finde es super, dass es so gut läuft und freue mich jeden Tag auf Deine neuen Berichte.
    Vielen Dank dafür! Und wußtest Du eigentlich, dass ich mit Robby Bauer zusammen auf eine Schule gegangen bin? Ja, so kanns gehen!
    Schönes, erlebnisreiches Wochenende und Grüße an die kleine Robbe.
    Rex

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